Opladen

Die Ära Napoleon bedeutete für die bis dahin geltende absolutistische Herrschaftsform im Bergischen Land das Aus. Seine Gesetze schufen um 1800 die Strukturen der Selbstverwaltung ab. Durch die darauf folgende preußische Herrschaft seit 1815 veränderte sich an diesem Zustand erst einmal nichts. Die französische Mairie-Verfassung wurde im Aufbau vorerst beibehalten, aus der Mairie wurde die Bürgermeisterei.

1816 wurde in Opladen eine Samtgemeinde eingerichtet, also als Gemeindeverband der bestimmte öffentliche Aufgaben anstelle seiner Mitgliedgemeinden ausführt. Dazu zählten Bürrig, Neukirchen und Leichlingen. Drei Jahre später wurde der preußische Landkreis Opladen in den Landkreis Solingen eingegliedert. Sitz des Kreises bleibt aber Opladen! Erst durch die preußische Gemeindeordnung aus dem Jahr 1845 war die einzelne Gemeinde mit ihrer Bürgermeisterei wieder als Selbstverwaltungskörper funktionstüchtig. Es sollte in Opladen aber noch einmal dreizehn Jahre dauern, bis die Gemeindeverordneten die 1856 in Kraft getretene Städteordnung beantragten.

1858 verlieh Regent Wilhelm Prinz von Preußen Opladen das Stadtrecht. Dadurch war es den Opladenern wieder möglich, ihren Bürgermeister und die Beigeordneten zu wählen. Dabei kam es durch das geltende Dreiklassenwahlrecht, welches politischen Einfluss von der Steuerleistung abhängig machte, zu kuriosen Gewichtungen. Geborene Mitglieder waren meistbegüterte Haus- und Grundbesitzer, die jährlich 50 Taler Grundsteuer und mehr bezahlten. Die Bindung der politischen Macht an den Besitz wurde durch die Bedingungen für das aktive Wahlrecht verschärft. Zugelassen waren ausschließlich Männer, die Preußen unterstanden und in der Gemeinde ansässig waren. Das Minimum an Grundsteuer wurde in Opladen auf zwei Taler festgesetzt. Für die Abstimmung wurden die Wähler nach ihrem Steueraufkommen in drei Klassen aufgeteilt. Dabei repräsentierte jede Klasse ein Drittel des gesamten Steueraufkommens und hatte jeweils die gleiche Zahl der Gemeinderatsmitglieder zu wählen.

1873 wählten 181 Wähler aus dem katholischen Lager gerade einmal fünf Kandidaten für das preußische Abgeordnetenhaus. Dagegen konnten 18 Liberale vier Kandidaten wählen. Diese 18 Personen setzten sich aus 15 von der zweiten und drei von der ersten Klasse zusammen. Das Medium „Der Bote“ wetterte, dass drei Wähler der ersten Klasse soviel galten wie 120 der dritten – weil sie Geld hatten und mehr Steuern bezahlten. Mit der Industrialisierung wuchs die Kluft zwischen den Einkommen und der dritten Klasse kam immer weniger Gewicht bei.

Der in Opladen wohnende Freiherr Georg Franz von Hauer, Landrat des damaligen Kreises Solingen, setzte sich gegen solche Ungerechtigkeit im Königreich Preußen zur Wehr – im Schulterschluss mit Freiherr von Mylius zu Reuschenberg und Johannes Müller aus Imbach. Die beiden Letzteren forderten 1830, nach der Julirevolution in Paris, die Bildung eines kreisständischen Ausschusses, des seit 1827 bestehenden Kreistages, um für die einzelnen Gemeinden mehr Mitsprache einzufordern. Sie forderten freie Wahl des Bürgermeisters und der Gemeindevertreter und darüber hinaus die Einbeziehung sachkundiger Gemeindemitglieder. Landrat Hauer stand hinter diesem Antrag, der bei den ihm vorgesetzten Behörden allerdings auf Empörung stießen. Denn die Anträge erschütterten die Anhänglichkeit an die Regierung. Die Angst vor der Juli-Revolution dürfte mitgeschwungen haben.

Hauers Karriere war fortan blockiert. Die Bevölkerung Opladens hatte indes anderes im Sinn. Auf fruchtbaren Boden stieß der politische Ungehorsam hier nicht. Stärker wog die wirtschaftliche Not. Die wurde Mitte des 19. Jahrhunderts so groß, dass der Opladener Gemeinderat 1846 vor dem Hintergrund von Missernten eine Bürgerwehr auf drei Monate beschloss. Sie sollten die Felder vor Raub schützen. Die Bürgerwehr war Vorläuferin der 1848 aufgestellten bewaffneten Bürgergarde.

1848 war auch das Entstehungsjahr einer Zeitung, des Verkündigers an der Niederwupper und wöchentlicher Anzeiger, Kopf und Gründer war der Opladener C. E. Küster. Mit der Revolution von 1848 nahm in Opladen auch der politische Katholizismus seinen Anfang. Ein Protagonist war Vinzenz Deycks. Seine Intention ging dahin, die demokratischen Prinzipien der Revolution zu verfechten und die langersehnte Verfassung durchzusetzen. Gleichheit vor dem Gesetz und im Unterrichtswesen, in der Gerichtsbarkeit und in der Besteuerung sollten an Stelle der alten Verfassung treten. Der Kulturkampf förderte in Opladen den Widerstand gegen staatliche Bevormundung. Das Dekanat Solingen war rege und beantragte beim Kölner Erzbischof eine eigene Zeitung, die im September 1865 erstmals als Bote an Rhein und Niederwupper gedruckt wurde. Das evangelische Pendant war der liberale Verkündiger.

Die evangelische Gemeinde wuchs bald nach der Gründung im Jahr 1864 in den preußischen Nationalstaat hinein. Wie die ihr übergeordnete Kirche im Rheinland entstand sie im Schutz des Staates. Damit waren zumindest in der Anfangszeit die Grundlagen für einen politischen Protestantismus gelegt. Führende Köpfe und Förderer waren Persönlichkeiten aus dem Besitzbürgertum wie die Fabrikanten Max und Albert Römer oder der Verleger des Verkündigers an der Niederwupper, August Arndt. Das reformatorische Erbe und die Reichseinigung bestimmten das staatspolitische Denken der Gemeindeglieder. Gedanken der Sozialdemokratie gegenüber waren sie nicht aufgeschlossen.


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